Sorge vor harter Grenze nach Brexit

Irland fürchtet einen neuen Kreislauf der Gewalt

Ein Plakat auf der politisch geteilten Insel Irland warnt vor einer harten Grenze zwischen dem Norden und dem Süden. FOTO: picture alliance / Liam McBurney / dpa Picture-Alliance / Liam McBurney

Belfast. Im Norden wie im Süden der geteilten Insel wachsen die Sorgen vor einer harten Grenze durch einen Brexit ohne Abkommen – und vor neuen Unruhen.

Ein Denkmal an der Kingsmill Road im Grenzgebiet zwischen Nordirland und der irischen Republik erinnert an zehn protestantische Arbeiter, die hier 1976 von der IRA aus ihrem Kleinbus gezerrt und erschossen wurden. Die Landschaft ringsum im südlichen nordirischen County Armagh ist so lieblich, dass es fast schon wie Hohn wirkt. Ein paar hundert Meter weiter steht an einer Straßenkreuzung ein Großplakat: „No hard border“. Keine harte Grenze. Vielerorts entlang der 499 Kilometer langen Grenze protestieren Menschen gegen das, was da in vier Wochen zu kommen droht. Im Norden wie im Süden. Es scheint, als schweiße der Brexit die einstigen Gegner zusammen.

Die Grenze sieht man schon lange nicht mehr. Oft erinnert nur der Wechsel des Straßenbelages daran, wo das Vereinigte Königreich beginnt und Irland endet. Güter und Menschen bewegen sich an den fast 300 „Übergängen“ so selbstverständlich hin und her wie heute zwischen Frankreich und dem Saarland. In Armagh arbeitet ein paritätisch besetzter Nord-Süd-Rat an der weiteren Verzahnung der Region. Straßen, Wasserwege, die Tourismuswerbung, das Gesundheitswesen. 270 Millionen Euro hat die EU bisher für die Projekte beigesteuert.

Irlands Außenminister Simon Coveney äußert die Sorge, „dass Irland der Kollateralschaden des Brexit wird“. Die Regierung im Süden befürchtet, dass eine feste Grenze sofort attackiert werden würde. Denn dass es keine Trennlinie zwischen Nord und Süd mehr gibt, war vor 21 Jahren für die katholische Seite zentral, um dem so genannten Karfreitagsabkommen zuzustimmen. Neben der gemeinsamen EU-Mitgliedschaft. Beides könnte jetzt entfallen – und damit die Geschäftsgrundlage für den Friedensprozess. Befürchtet wird zudem, dass sich Attacken auch gegen Menschen oder ihre Häuser richten könnten, etwa gegen Grenzpolizisten. Es gibt entsprechende Hinweise. Dann wäre man schnell wieder bei dem alten Kreislauf von Gewalt und Rache, dem einst auch die zehn Arbeiter in der Kingsmill Road zum Opfer fielen.

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