Nach dem Brand von Notre-Dame

Nach dem Inferno wird Notre-Dame zum Dorado für Selfie-Jäger

Beliebtes Fotomotiv für Paris-Touristen: die durch den verheerenden Brand schwer beschädigte Kathedrale Notre-Dame. FOTO: AP / Christophe Ena

Paris. Die Touristen strömen in Massen zu der vom Feuer verwüsteten Kathedrale. „Man sieht von dem Schaden ja gar nichts“, beschwert sich eine Frau.

Die Touristin aus den USA ist ziemlich enttäuscht. „Man sieht von dem Schaden ja gar nichts“, ruft sie ihrem Begleiter im Straßenlärm zu und stellt sich in Pose für ein Urlaubsfoto – sie im Vordergrund, Notre-Dame dahinter. Zwei Tage ist es her, dass die Kathedrale im Herzen von Paris fast ein Raub der Flammen geworden wäre. Das Dach ist völlig ausgebrannt, große Teile der Konstruktion sind ins Kirchenschiff gestürzt, Kunstschätze von unschätzbarem Wert wurden zerstört. Während Fachleute an der Außenfassade versuchen, die Schäden festzustellen, strömen schon wieder die Touristen zu dem weltberühmten Gotteshaus, das mit über 13 Millionen Besuchern pro Jahr das meistbesuchte Bauwerk Frankreichs ist. Wegen der enormen Brandschäden müsse es allerdings fünf bis sechs Jahre geschlossen bleiben, sagt der Domdekan von Notre-Dame, Patrick Chauvet.

Manche Touristen regen sich auf, dass die Polizei das Gelände weiträumig abgesperrt hat und sie nicht näher an das Objekt der Begierde gelangen, aber den meisten Besuchern ist – neben einer großen Neugier – das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Andere haben es sich in den Brasserien am angrenzende Quai de Montebello bequem gemacht und blicken bei einem Kaffee und Croissant auf das Spektakel.

Zehntausende Menschen drängeln sich an diesem sonnigen Mittwochmorgen am Ufer der Seine, um den besten Blick auf das Drama zu bekommen. Auf der anderen Seite, auf der Île de la Cité, steht das geschundene Bauwerk, stolz thront es dort, aber auch schwer angeschlagen. Das Dach ist weg, der Mittelturm fehlt, wie durch ein Wunder konnte der völlig verbogene Wetterhahn in den Trümmern geborgen werden, der viele hundert Jahre von der höchsten Spitze über Paris blickte. Am Ufer des Flusses patrouillieren Polizisten, die es inzwischen aufgegeben haben, den Touristen zu verbieten, in halsbrecherischen Aktionen auf die Kaimauer zu steigen, um bessere Selfies von sich und der Kathedrale zu machen. „Die Leute lassen sich nichts sagen, manche werden sogar richtig wütend, wenn wir einschreiten“, sagt ein junger Beamter und schüttelt den Kopf.

top