Analyse

Der Schock sitzt tief in der CSU-Parteiseele

In der Partei muss die Enttäuschung offen artikuliert werden, meint CSU-Chef Markus Söder. FOTO: dpa / Peter Kneffel

München/Brüssel. Eine solche proeuropäische Euphorie gab es in der CSU noch nie. Wurde die Europäische Union 2014 im Wahlkampf der Christsozialen zum Teil noch als Gefahr für Bayerns Erfolg und Identität gesehen, legte die Partei 2019 eine radikale Kehrtwende hin: Nun war Europa die große Chance, hinter ihrem Spitzenkandidaten Manfred Weber profilierte sich die CSU als Teil der Europäischen Volkspartei zum Verteidiger der europäischen Werte gegen wachsenden Nationalismus und Extremismus.

Anders als beim Absturz in der Wählergunst 2014 sitzt der Schock in diesem Jahr aber tiefer in der Parteiseele. Der am Ende für Weber und die CSU erfolglose Poker um den Posten des Kommissionspräsidenten zeigte der Partei nicht nur unmissverständlich die Grenzen der eigenen politischen Macht auf, sie förderte auch auf allen Ebenen in der Partei verdrängte Ressentiments gegen die EU und bei einigen auch gegen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) neu zu Tage.

„Die Enttäuschung ist mehr als verständlich. Ich habe es auch als bittere Niederlage der Demokratie empfunden“, fasst Parteichef Markus Söder die Situation zusammen. Nach dem was er wisse, könne die CSU der Bundeskanzlerin aber keinen Vorwurf machen. Damit stößt er aber in der eigenen Partei teils auf Widerstand. Für Söder ist dies keine leichte Situation, immerhin hat er sich im Europawahlkampf als Parteichef klar positioniert und muss nun die Scherben mit zusammenfegen. Und mehr noch – wie Weber muss auch er es schaffen, von der Leyen bei den eigenen Anhängern als bestmögliche Alternative für den EU-Spitzenposten zu verkaufen, ohne die eigene Glaubwürdigkeit dauerhaft zu beschädigen.

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