Analyse

Die Euphorie vieler Russen hat sich in Wut verwandelt

Moskau. Roman kann gar nicht mehr zählen, wie oft er dabei gewesen ist. Wie oft er „Russland ohne Putin“ gerufen hat, sich vorgestellt hat, wie es denn sein könnte, so ganz ohne den „ewigen Zar“, wie er am Rande einer Protestkundgebung im Moskauer Stadtzentrum sagt.

Genehmigt ist diese nicht, wieder einmal.

Roman, der 32-Jährige mit kahlgeschorenem Kopf und grauem T-Shirt, weiß, was das bedeuten könnte. In den vergangenen Wochen hatten russische Spezialpolizisten in voller Montur teils brutal auf die sich friedlich versammelnden Demonstranten eingeschlagen. „Politische Spaziergänge“ nennt die Moskauer Opposition ihre Protestzüge in den zentralen Straßen der Stadt. Allein an zwei Wochenenden hatte die Polizei knapp 2000 Protestierende festgenommen, eine Rekordzahl. „Natürlich habe ich Angst, im Gefangenentransporter zu landen, meinen kleinen Sohn plötzlich nicht mehr zu sehen“, sagt Roman. Er hat, wie so viele Demonstranten, auch Angst, seinen Nachnamen zu sagen, seinen Beruf zu nennen. „Heutzutage weiß man nie, was einem plötzlich vorgeworfen werden kann“, sagt er nur.

Seit zehn Jahren geht der Moskauer auf die Straße, überzeugt davon, wenigstens so seine in der russischen Verfassung verbrieften Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit wahrzunehmen. Es ist ein lauer Moskauer Samstag – und ein heißer russischer Polit-Sommer.

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