Gastbeitrag

Heute fällt der Startschuss für eine neue Etappe

Saarbrücken. „Wir stehen an Ihrer Seite. Als Westeuropäer müssen wir trotz allem, was sich zwischen uns gestellt hat, zusammenarbeiten und uns gegenseitig verstehen.“ So Charles de Gaulle, Chef der provisorischen Regierung Frankreichs: nicht 1963, sondern in seiner ersten Rede im Nachkriegsdeutschland in Saarbrücken am 3. Oktober 1945 und ähnlich in weiteren Orten des deutschen Südwestens.

In einer – wie heute – konfliktgeladenen Zeit. Er gab damit den Startschuss für den Annäherungsprozess, der mit dem neuen Deutsch-Französischen Vertrag heute eine neue Etappe erreicht.

Als Startschuss wurde das 1945 nur von wenigen erkannt. Die französische Kino-Wochenschau zeigte die Aufnahmen, aber überdeckte die Worte durch Geschwätz eines Sprechers, denn Frankreichs Öffentlichkeit wagte man sie 1945 nicht zuzumuten. Auch deshalb glauben heute immer noch viele an die Legende, die deutsch-französische Aussöhnung habe erst mit dem Élysée-Vertrag 1963 begonnen.

Die Militärregierung setzte die Reden 1945 als Befehle des Regierungschefs sofort um in Direktiven für eine Aufbau- und Demokratisierungspolitik in Deutschland. Seitdem wurden Konflikte, Kompromisse und wechselseitige Ergänzungen beider Länder nicht nur zu Etappen in der Annäherung, sondern zu dauerhaften Kernelementen ihrer konstruktiven Dynamik. Übereinstimmung und Ergänzung demonstrierte schon Frankreichs Außenminister Robert Schuman 1950, als er den nächsten Startschuss gab zur Montan-Union und damit zur institutionellen europäischen Integration. Paris und Bonn waren sich einig im Ziel der Überwindung der Kriege. Sie ergänzten sich insofern, als Schuman durch Integration zugleich die deutsche Schwerindustrie kontrollieren und so Frankreichs Sicherheit stärken wollte; internationale Konkurrenz sollte die französische Stahlindustrie dabei zur Modernisierung zwingen und damit die französische Großmachtposition weiter absichern. Für Adenauer andererseits war es ein wichtiger Schritt der Bundesrepublik zurück auf die internationale Bühne.

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