Demokratie

Frauenwahlrecht ist Alltag, Gleichberechtigung nicht

FOTO: SZ / Robby Lorenz

Heute auf den Tag genau vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen gehen und sich selbst zur Wahl stellen. Seitdem hat sich viel verändert.

Wer heute ernsthaft auf die Idee käme, den Frauen dieses Grundrecht abzusprechen, würde entweder belächelt oder für verrückt erklärt. Ja, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist inzwischen gesellschaftlicher Grundkonsens. Wenn es allerdings konkret wird, verträgt sich die Praxis zuweilen schlecht mit dem guten Vorsatz.

Es ist gerade einmal zwei Jahrzehnte her, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, bekanntlich ein SPD-Mann, den sperrigen Namen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend öffentlich mit „Ministerium für Familie und Gedöns“ übersetzte. Das entsprach einem westdeutschen Zeitgeist, in dem Betriebskindergärten oder Ganztagsschulen kaum vorkamen und die (wenigen) Frauen bemitleidet wurden, die einer Arbeit nachgingen. Der heute allgegenwärtige Anspruch auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf fristete ein Schattendasein. Derlei Tatsachen sind übrigens auch ein Teil der Erklärung, warum sich Ost und West bis heute mitunter fremd sind. Die DDR ist an vielen Problemen zugrunde gegangen, aber sicher nicht am Mangel einer beschäftigungsorientierten Familienpolitik.

Inzwischen zählt die Frauenerwerbsquote in ganz Deutschland zu den höchsten in Europa. Allerdings handelt es sich vorwiegend um Teilzeitjobs. Und Männer kümmern sich deutlich stärker um den Nachwuchs als früher. Das Bild vom Kinderwagen schiebenden Vater ist längst Alltag. Doch wegen der Familienarbeit stecken Mütter immer noch deutlich häufiger bei einer beruflichen Karriere zurück. Auf diese Weise bleiben nicht nur die allermeisten Vorstandsetagen großer Unternehmen eine Männerdomäne. Auch in der Politik ist Mann stark überrepräsentiert. Nicht einmal jeder dritte Abgeordnete im Bundestag ist weiblich. Sicher, zuletzt hat die AfD diesen Anteil gedrückt. Aber von einem paritätischen Geschlechterverhältnis – 51 Prozent der Bevölkerung sind übrigens Frauen – war das Parlament auch schon vor der letzten Wahl weit entfernt.

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