Opernstar aus St. Ingbert

Mit Wotans Speer gegen Kolleginnen

St. Ingbert. Heute feiert der herausragende Opern- und Konzertsänger Siegmund Nimsgern seinen 80. Geburtstag. aus St. Ingbert hat er Weltkarriere gemacht. Und wäre er ein Tenor, applaudierte ihm heute auch die halbe Welt. Als Bariton bleibt ihm zumindest die Gewissheit, die interessanteren Partien gesungen zu haben.

Manchmal stellt man ja sich und anderen gerne mal die Was-wäre-wenn-Frage. Also: Was wäre aus Siegmund Nimsgern geworden, hätte er nicht das Konzertpodium, das Opernhaus und auch manches Schallplattenstudio zu seiner Bühne gemacht? Hätte er nicht Mitte der 1980er im Bayreuther „Ring“ der beiden Sirs (Georg Solti und Peter Hall) den Wotan/Wanderer gesungen? Und nicht in Mailand und London, nicht in Buenos Aires und Wien im Applaus gebadet? Sein Haus in St. Ingbert gibt schon mal eine Antwort darauf, dieses architekonische Schaut-her! der Moderne inmitten eher erwartbarem Bauhandwerk. Hier wohnt jedenfalls kein Jedermann.

Und drinnen? Ein Dichter-Heim, so scheint es. Bücher, Bücher, Bücher. In jedem Raum, in jeder Etage bis runter ins Souterrain, wo ein Flügel noch immer auf den Übenden wartet. Musikwerke, Noten, Partituren, etliches auch zu anderen Künsten, zur Historie, zur Staatskunst und reichlich Schöngeistiges. Gargantuesk all das im Anspruch und noch dazu babylonisch vielsprachig.

Siegmund Nimsgern verschlingt Bücher wie früher (nach eigenem Bekunden) das Essen: gierig. Er habe „ein erotisches Verhältnis zur Sprache“, bekennt er mal. Über Jahrzehnte, als der Bass-Bariton in der halben Welt gefragt war, rastlos hin- und her hetzt, nutzt er die leeren Stunden im Hotel nach den Proben, vor den Auftritten, um zu lesen, zu schreiben, zu übersetzen – und zu durchdringen. Etwa seine musikalischen Herausforderungen, die von Bach wie Berg, von Beethoven wie Strauss kommen. Ein Aus-dem-Bauch-Singer ist er nie. Darum sind auch seine Aufnahmen, Timbre hin oder her, nach wie vor so besonders. Wenige singen so klar, so klug, so sinnvoll. Kurt Masurs „Fidelio“ – noch zu DDR-Zeiten eingespielt – bleibt dafür etwa ein grandioses Schallzeugnis, mit Nimsgerns eiskalt reflektiertem Pizzaro.

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