Tarantinos neuntes Meisterwerk

Zumindest im Kino lebt die Gerechtigkeit noch

US-Schauspiel-Star Leonardo DiCaprio brilliert als kriselnder Westerndarsteller Rick Dalton. FOTO: Sony

„Once Upon a Time in Hollywood“ von Quentin Tarantino: Lässig erzähltes und stark besetztes Buddie-Movie.

In der Nacht des 8. August 1969 verschafften sich Mitglieder der Hippie-Sekte „Manson-Family“ Zugang zu einer Villa am Cielo Drive in Los Angeles, die von Regisseur Roman Polanski und seiner Lebensgefährtin Sharon Tate bewohnt wurde. Die Eindringlinge ermordeten die hochschwangere Frau und deren ungeborenes Kind sowie vier weitere Besucher des Hauses. In der US-Zeitgeschichtsschreibung gelten die Morde als historischer Wendepunkt, an dem die amerikanische Flower-Power-Bewegung ihre Unschuld verloren hat.

Nun hat sich Quentin Tarantino in seinem neuen Film „Once Upon a Time in Hollywood“ des Vorfalles angenommen, aber er spielt das historische Ereignis nur über Bande an. Zunächst geht es dem Filmenthusiasten um eine Liebeserklärung an die blühende US-Fernsehkultur jener Jahre. Im Zentrum steht der (fiktive) Schauspieler Rick Dalton (Leonardi DiCaprio), der es als Star der Kopfgeldjäger-Serie „Bounty Law“ zu Ruhm, Reichtum und Alkoholabhängigkeit gebracht hat. Ricks einziger Freund ist sein Angestellter Cliff Booth (Brad Pitt), der früher für ihn als Stunt-Double einsprang. Heute kutschiert er den wenig gefragten Auftraggeber durch die Gegend und macht den Hauswart im großzügigen Anwesen. Gleich nebenan wohnen Sharon Tate (Margot Robbie) und der berühmte Roman Polanski, dessen Bekanntschaft Rick nur zu gerne einmal machen würde.

In lässigem Erzähltempo folgt Tarantino dem Alltag der beiden Männer, die sich auf sehr unterschiedlichen Stufen in der Hollywood-Hierarchie bewegen. DiCaprio, der die weinerliche Egozentrik des kriselnden Stars lustvoll mit großen Gesten ironisiert, und Pitt, der so überzeugend wie immer den saucoolen Hund spielt, ergeben ein wunderbares Kontrastpaar. Tarantino weiß mit den Image-Profilen seiner Stars zu spielen. Da wird Brad Pitt auch schon mal ohne erkennbare Plotrelevanz zur Antennen-Reparatur aufs Dach geschickt und darf zeigen, dass er auch unter dem T-Shirt immer noch ein schöner Mann ist. Die scheinbar episodische Erzählstruktur nimmt fast unmerklich Fahrt auf und läuft auf den zugrunde liegenden Kriminalfall zu. Die einsetzende eruptive Gewalt ist in ihrer Drastik schwer auszuhalten, zumal sie hier einmal nicht als Genrespielerei ausgewiesen ist, sondern reale Ereignisse spiegelt. Dennoch weigert Tarantino sich mit einer überraschenden Schlusswendung, sich der Wirklichkeit zu beugen – ähnlich wie in „Inglourious Basterds“, wo seine amerikanische Undercover-Truppe eben mal Adolf Hitler über den Haufen schoss. Auf den extremen Gewaltausbruch folgt ein geradezu zartes Happy End, das in guter, alter Western-Tradition zeigt, dass zumindest im Kino die Gerechtigkeit wieder hergestellt werden kann.

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