Herbert Grönemeyer

„Ich sehe mir heute verdammt ähnlich“

Herbert Grönemeyer bei der Albumvorstellung in Berlin.FOTO: dpa / Jens Kalaene

Berlin . Herbert Grönemeyer hat 30 Journalisten in Berlin eingeladen, sich mit ihm das neue Album „Tumult“ anzuhören, das heute erscheint. Wie war’s?

Er ist gerade erst gekommen, er hat noch gar nicht viel gesprochen, aber man ist sofort im Grönemeyer-Groove. Warum er sich das mit 62 Jahren eigentlich noch antue, wird er gefragt: eine neue Platte machen und auf Tour gehen, statt schön das Leben zu genießen. Grönemeyer lacht, als er das hört, wobei das Lachen aus einem gerufenen „Ha!“ besteht. Und dann sagt er: „Nur weil man seit 40 Jahren küsst, hört man ja nicht auf zu küssen.“

Der populärste Popstar Deutschlands stellt sein neues Album vor. Und weil Herbert Grönemeyer nun mal der Bundes-Herbie ist, Mittelschicht-Flüsterer und Zur-Lage-der-Nation-Sänger, macht er aus solchen Premieren traditionell großes Tennis. Die Platte „12“ präsentierte er einst in Köln in einem Gebäude, in dem jeder Song einen individuell dekorierten Raum hatte und dort jeweils in Endlosschleife lief. „Schiffsverkehr“ übergab er dem Publikum auf einem Ausflugsdampfer auf der Spree. Nun also „Tumult“. Schauplatz: die Bar im Hotel „Das Stue“ im Berliner Tiergarten. Sehr schick. Hellbraune Teppiche wechseln sich ab mit dunkelbraunem Holzboden. Goldene Blumenschalen auf schwarzen Couchtischen, Loungesessel in Orange und Grau. Darin sitzen geladene Gäste, sie bekommen Cosmopolitans und Daiquiris gereicht. „Listening Session“ nennt sich das. „Sieht aus wie im Flughafen“, sagt einer.

In dieser Umgebung bleibt man 60 Minuten still und hört zum ersten Mal „Tumult“, und man denkt, dass die Sache an sich ja total toll ist, weil 30 Menschen einfach zusammenkommen und sich gemeinsam eine Platte anhören. Eine Marktlücke in der Entschleunigungs-Industrie. Jeder hat großformatige Bögen mit den Songtexten bekommen; das dicke gelbe Papier knistert wie wie ein Kaminfeuer, was gut zur lichtgedimmten Atmosphäre passt. Und in der Pause zwischen den enorm lauten Liedern hört man Stifte über Papier kratzen. Ob Grönemeyer, der zu diesem Zeitpunkt noch hinter den Kulissen wartet, wohl aufgeregt ist?

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