Kinostart

Die gruselige Angst vor sich selbst

Überraschung: Die junge Shahadi Wright-Joseph ist als Zora Wilson und als Evil Zora zu sehen. FOTO: Universal Pictures

Zweibrücken. „Wir“ von Jordan Peele ist ein kluger, präziser und höllisch spannender Horrorfilm.

Mit dem Horrorfilm „Get Out“ legte Jordan Peele vor zwei Jahren ein fulminantes Regiedebüt vor und in seinem neuen Werk „Wir“ (ab heute auch in den Kinos in Zweibrücken und Homburg) nimmt er das Genrekino erneut mit Effizienz und Intelligenz für sich in Gebrauch. Der Film beginnt 1986 auf einem Jahrmarkt am Meer. „Finde Dich selbst“ steht in flackernder Neonschrift auf dem Spiegelkabinett, in das es die zehnjährige Adelaide (Madison Curry) hineinzieht. Drin trifft sie auf ein Mädchen aus Fleisch und Blut, das genauso aussieht wie sie selbst. Nach dieser klassischen Anfangsschock-Sequenz spult der Film vor in die heutige Zeit.

Adelaide Wilson (herausragend: Lupita Nyong’o) ist inzwischen selbst Mutter zweier Kinder und mit ihrem Mann Gabe (Winston Duke) auf dem Weg in den Urlaub. Im Ferienhaus ihrer verstorbenen Mutter werden die verdrängten Erinnerungen wieder wach. „Da steht eine Familie in der Auffahrt“ sagt eines Abends ihr Sohn Jason (Evan Alex). Bewegungslos verharren vier Gestalten in roten Overalls vor dem Haus, die sich bei genauerem Hinsehen als leicht heruntergekommenes Ebenbild der Wilsons erweisen und ihren Vorbildern nach dem Leben trachten.In „Wir“ geht Peele von der einfachen Prämisse aus, dass der Mensch am meisten Angst vor sich selbst hat, und setzt diese Grundannahme in aller Wortwörtlichkeit höchst effizient in Szene. Tief unter der Erde lebt eine düstere, animalischere Version des eigenen Ichs, die hier nun mit aller Gewalt die Herrschaft übernehmen will.

Eine wahrhaft gruselige Vorstellung, mit der Peele hier unterbewusste Ängste vor dem eigenen, abgespaltenen Bösen auf äußerst plastische Weise ins Bild setzt. Aber natürlich greift Peeles Metaphorik auch weit über das individuell Psychologische hinaus. Auf eine nationale Traumatherapie verweist nicht nur das Bekenntnis der Monster „Wir sind Amerikaner“, sondern auch der Original-Filmtitel „Us“, der ebenfalls als Kürzel für „United States“ gelesen werden kann. Anders als im Vorgängerfilm „Get Out“ spielt Peele hier die gesellschaftspolitischen Verweise nicht direkt an, sondern schafft Assoziationsräume, die Fragen und Deutungsmuster in verschiedene Richtungen eröffnen. So lässt sich der Film auch als düsterer Kommentar auf die Diskrepanz zwischen digitaler Selbstdarstellung und eigenem physischen Sein, die Ängste vor Identitätsverlust oder das Lebensgefühl einer fremdgesteuerten Existenz interpretieren. Vor allem jedoch ist „Wir“ ein verdammt gut gemachter Film, der durch Originalität, Klarheit, präzises Handwerk, ein herausragendes Ensemble und eine gelungene Abmischung zwischen Schrecken und Humor überzeugt.

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