Als die Menschen aus der „Roten Zone“ fliehen mussten

Als die Menschen flüchten mussten

Unser Bild zeigt Menschen aus Niedergailbach, die durch Evakuierung nach Apolda in Thüringen kamen. FOTO: Otmar Gros

Niedergailbach. Erinnerungen an die 1. Evakuierungswelle zu Beginn des II. Weltkrieges am 1. September 1939 in der „Roten Zone“.

Vor 80 Jahren – am 1. September 1939 – begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg. Das war auch der Tag an dem in der sogenannten „Roten Zone“, wozu auch Niedergailbach gehörte, die große Evakuierung einsetzte. In der Frühe lief Gemeindediener Nikolaus Anna mit der Schelle durchs Dorf und gab den Befehl zur Zwangsräumung weiter. Vor allem Frauen und Kinder sowie die älteren Männer waren betroffen. All dies und noch viel mehr weiß der frühere Ortsvorsteher Otmar Gros, der der Niedergailbacher Dorfgeschichte nachspürt. Nachfolgend seine weiteren Ausführungen zu dem, was vor acht Jahrzehnten in seinem Heimatort geschah:

Zwar war die Evakuierung bis zuletzt streng geheim gehalten, doch ahnten oder vermuteten es viele. So berichteten bei Zusammenkünften mit Zeitzeugen die damals zwölfjährige Luise Seibert (geborene Wack) und die gleichaltrige Rosa Schiel (geborene Anna), dass immer wieder die Männer in Gruppen zusammengestanden hätten und sehr angespannt diskutierten. Eilends mussten sich die Dorfbewohner zum Abtransport bereit machen, da bereits um 10 Uhr in der Dorfmitte Busse und Lastwagen bereitstanden, um die Menschen in „sichere“ Regionen zu bringen. Einige Dorfbewohner hatten auch in Eigenregie den Weg in die „Fremde“ aufgenommen.

Dazu gehörte auch Gustav Gros, so berichtete seine Tochter Rosa. Er fuhr mit seinem Pferdefuhrwerk bis nach Eisenach und verkaufte dort seine Pferde. Mitgenommen werden konnte nur das Nötigste, teilweise in Kopfkissen und Bettlaken verstaut. Auch blieb das Vieh in den Ställen zurück. Die Fütterung der zurückgelassen Tiere organisierte anfangs Franz Sand mit einigen „Daheimgebliebenen, wozu Nikolaus Anna, Karl Krämer, August Zäh, Peter Buhr, Josef Oberinger I., Fritz Krämer, Albert Rauch und Friedrich Buchheit gehörten. Sie lagen damals beim Grenzschutz im Walsheimer Wald und kehrten abends ins Dorf zurück“, so die Zeitzeugin Katharina Schiel (geborene Rauch). Später wurden die Stalltüren geöffnet und das Vieh trieb wild umher und blieb sich selbst überlassen.

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